„Schlaf ist kein Optimierungsprojekt“ – Dagsmejan-Gründerin Catarina Dahlin über Sleep Tech, Wissenschaft und die Zukunft funktionaler Erholung

Während Fitness, Ernährung und Longevity seit Jahren systematisch optimiert werden, blieb ein Bereich erstaunlich unbeachtet: was Menschen jede Nacht auf der Haut tragen. Das Schweizer Unternehmen Dagsmejan will das ändern – mit funktionaler Sleepwear, die auf Thermoregulation, Materialforschung und Schlafphysiologie basiert. Im Interview spricht Gründerin Catarina Dahlin über den wachsenden Sleep-Tech-Markt, die Grenze zwischen echter Wissenschaft und Kommunikations-Layer – und warum guter Schlaf zur neuen Infrastruktur für Leistungsfähigkeit wird.

Frau Dahlin, Sie haben mit Dagsmejan einen Markt gewählt, der lange als banal galt: Nachtwäsche. Was haben andere übersehen?

Dass Nachtwäsche eben nicht banal ist, wenn man sie vom Körper her denkt. Wir tragen sie direkt auf der Haut, während der Körper sich über Stunden regeneriert, Temperatur reguliert und Feuchtigkeit abgibt. Trotzdem wurde diese Kategorie lange fast ausschließlich über Optik, Weichheit oder Gewohnheit betrachtet.

In der Sportbekleidung war funktionale Materialentwicklung längst selbstverständlich – aber ausgerechnet in der Nacht, also während der wichtigsten Regenerationsphase, trugen viele Menschen Stoffe, die kaum für diese physiologischen Anforderungen entwickelt wurden. Wir haben also keine neue Sehnsucht erfunden. Wir haben ein alltägliches Produkt ernst genommen und gefragt: Was passiert, wenn man Schlaf wissenschaftlich denkt statt modisch?

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich außerhalb der klassischen Modebranche bewegen?

Relativ früh. Spätestens in dem Moment, als unsere wichtigsten Gespräche nicht mehr mit Design oder Trends begannen, sondern mit Thermoregulation, Feuchtigkeitstransport und Regeneration. Natürlich ist Dagsmejan ein Kleidungsstück. Es muss gut aussehen und sich gut anfühlen. Aber unser Ausgangspunkt war immer ein anderer: Welches Schlafbedürfnis lösen wir?

Dadurch bewegen wir uns heute eher zwischen Schlafmedizin, Textiltechnologie, Recovery und Wellbeing als in der klassischen Fashion-Welt. Das macht die Kategorie komplexer, aber auch relevanter.

„Sleep Tech“ wächst gerade enorm. Echter Markt oder Überhitzung?

Ich bin mir sicher: Es entsteht ein echter Markt. Schlaf ist fundamental – biologisch, gesundheitlich und gesellschaftlich. Menschen merken zunehmend, dass schlechter Schlaf direkte Folgen hat: auf Konzentration, Stimmung, Regeneration und langfristige Gesundheit.

Natürlich gibt es in jeder Wachstumsphase auch Übertreibung. Der Begriff „Sleep Tech“ wird inzwischen sehr breit verwendet. Nicht alles, was sich auf Schlaf bezieht, hat automatisch Relevanz. Die entscheidende Frage ist: Löst ein Produkt tatsächlich ein relevantes Schlafproblem? Gibt es eine nachvollziehbare Wirkweise? Wurde diese getestet – oder nur behauptet?

Langfristig werden sich die Lösungen durchsetzen, die wissenschaftlich nachvollziehbar sind und im Alltag wirklich funktionieren.

Viele Unternehmen berufen sich heute auf „Science“. Woran erkennt man echte Substanz?

An der Nachvollziehbarkeit. Wer wissenschaftliche Claims macht, sollte erklären können, welche Hypothese getestet wurde, wie getestet wurde und mit welchem Ergebnis.

Ein paar einfache Fragen helfen dabei: Gibt es unabhängige Tests? Werden Zahlen sauber belegt? Sind Aussagen spezifisch oder bewusst sehr allgemein formuliert? Und vor allem: Ist die Wissenschaft Ausgangspunkt des Produkts – oder wurde sie erst nachträglich als Kommunikationsschicht dargestellt? Echte wissenschaftliche Arbeit wird selten lauter. Sie wird präziser.

Wo ziehen Sie persönlich die Grenze: Ab wann ist ein Produkt wissenschaftlich fundiert genug?

Sobald wir die Wirkweise verstehen, relevante Tests durchgeführt wurden und unsere Aussagen durch diese Daten gedeckt sind. Gerade im Bereich funktionaler Produkte muss man sehr sauber unterscheiden: Was ist im Labor messbar? Was zeigt sich in Tragetests? Was ist dermatologisch oder klinisch validiert? Und was darf man daraus seriös ableiten?

Die Grenze liegt dort, wo ein Claim mehr verspricht, als die Daten tragen. Dann formulieren wir bewusst vorsichtiger – oder sprechen nicht darüber.

Sie arbeiten evidenzbasiert in einem Markt, der oft von Geschwindigkeit lebt. Bremst Sie das?

Kurzfristig manchmal schon. Forschung braucht Zeit. Materialentwicklung braucht Zeit. Manche Stoffe oder Technologien funktionieren in der Theorie gut, aber nicht in der realen Anwendung.

Langfristig ist es aber ein Vorteil. Vertrauen entsteht nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Konsistenz. Gerade beim Thema Schlaf reicht ein schönes Versprechen nicht aus – Menschen merken relativ schnell, ob etwas funktioniert oder nicht. Unsere evidenzbasierte Arbeitsweise war deshalb nie „Zusatz“, sondern Teil des Geschäftsmodells.

Schlaf wird zunehmend ökonomisch gedacht – als Produktivitätsfaktor. Warum passiert dieser Perspektivwechsel gerade jetzt?

Weil Schlafmangel nicht mehr nur als individuelles Problem wahrgenommen wird. Menschen sehen sehr konkret, welche Folgen schlechter Schlaf hat: auf Leistungsfähigkeit, mentale Gesundheit, Regeneration, Entscheidungsfähigkeit. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit permanenter Reizüberflutung und hoher mentaler Belastung.

Ich finde aber wichtig: Schlaf sollte nicht nur unter Produktivitätsgesichtspunkten betrachtet werden. Schlaf ist kein Optimierungsprojekt. Er ist ein biologisches Grundbedürfnis.

Wird Schlaf damit zur neuen Infrastruktur – vergleichbar mit Ernährung oder Fitness?

Ja, ich glaube schon. Ernährung und Bewegung gelten heute als selbstverständliche Bestandteile von Gesundheit. Schlaf war lange der unterschätzte dritte Pfeiler.

Und Infrastruktur bedeutet: Es geht nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um ein gesamtes System – Wissen, Routinen, Arbeitskultur, Räume, Licht, Temperatur, Materialien. Wir stehen da noch relativ am Anfang. Aber ich glaube, dass guter Schlaf künftig ähnlich selbstverständlich diskutiert wird wie Ernährung oder Fitness – nicht als Luxus, sondern als Grundlage für Lebensqualität und Gesundheit.

Rückblickend auf zehn Jahre Dagsmejan: Was war der strategisch schwierigste Moment?

Die Phase vor dem Launch. Wir hatten fast zwei Jahre in Forschung und Entwicklung investiert, bevor wir überhaupt wussten, ob Kundinnen und Kunden den Unterschied tatsächlich spüren würden. Das war der eigentliche Härtetest unseres Modells: Funktioniert die Übersetzung von Wissenschaft in ein Produkt, das Menschen freiwillig kaufen, tragen und weiterempfehlen?

Als die ersten Rückmeldungen kamen und Menschen beschrieben, dass sie tatsächlich besser schlafen, war das ein entscheidender Moment. Nicht, weil damit alles gelöst war, sondern weil klar wurde: Das Problem ist real. Und die Lösung kann relevant sein.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich würde wahrscheinlich schneller Entscheidungen treffen und früher meinem Urteil vertrauen. Am Anfang wollten wir vieles vollständig verstehen, bevor wir den nächsten Schritt gemacht haben. Heute weiß ich: Man lernt schneller durch Testen, Zuhören und Iteration.

Was ich auf keinen Fall anders machen würde, ist der wissenschaftliche Anspruch. Die Entscheidung, Dagsmejan nicht aus der Mode heraus zu entwickeln, sondern vom Körper und vom Schlafbedürfnis her, war zentral. Substanz braucht Zeit. Aber sie schafft etwas, das in vielen Märkten selten geworden ist: Vertrauen.

Weitere Informationen zu Dagsmejan und dem Produktsortiment: www.dagsmejan.com

Bildnachweis: Catarina Dahlin, Gründerin von Dagsmejan | Copyright: Dagsmejan/PR