Executive Presence entscheidet oft schneller über Zustimmung als jedes Argument: Bevor ein Team den Inhalt einer Ansage bewertet, hat es die Person längst eingeordnet – über Haltung, Stimme und den Grad der Stimmigkeit. Der Stuttgarter Stimm- und Sprechtrainer Frederik Beyer arbeitet seit 2008 mit Unternehmern und Führungskräften an genau dieser Wirkung. Im Interview erklärt er, was sich davon trainieren lässt.
Executive Presence: Warum Stimmtraining allein zu kurz greift
Du positionierst dich aktuell bewusst stärker in Richtung Executive Presence. Warum reicht es aus deiner Sicht nicht aus, bei Führungskräften lediglich an Stimme, Rhetorik oder Präsentationstechniken zu arbeiten?
In meiner Arbeit mit Unternehmern und Führungskräften habe ich gemerkt: Stimme lässt sich nicht losgelöst trainieren. An der Stimme hängt immer ein Mensch – mit einem Körper, mit einer Biografie, mit Zielen und Emotionen. Isolierte Stimmübungen oder rhetorische Techniken bleiben deshalb oft äußerlich.
Ich nehme den gesamten Menschen in den Blick. Executive Presence bedeutet genau das:
Äußeres Bild plus innere Haltung ergibt ganzheitliche Wirkung. Ich unterstütze Führungspersönlichkeiten dabei, stimmig mit sich selbst verbunden zu sein, um so im Außen noch stimmiger zu wirken – und dadurch mehr zu be-wirken.
Charisma ist trainierbar – über zwei Wege
Manche Führungskräfte betreten einen Raum und erhalten sofort Aufmerksamkeit. Andere müssen sich diese erst erarbeiten. Wodurch entsteht dieser Unterschied – und was davon lässt sich entwickeln?
Es gibt Menschen, die haben dieses gewisse Etwas. Mittlerweile wissen wir aber: Charisma ist kein angeborenes Geschenk, sondern eine trainierbare Fähigkeit. Es gibt zwei Wege, die charismatische Wirkung zu steigern.
Der erste hat weniger mit mir selbst zu tun als mit dem Ruf, der mir vorauseilt. Auf der Bühne gilt ein Gesetz: Der König kann sich nicht selbst spielen, er braucht das Volk, um als König wahrgenommen zu werden. Barack Obama ist bekannt als exzellenter Redner – jeder weiß das, und alle Blicke richten sich auf ihn. Das kann sich jede Führungskraft zunutze machen. Schon eine gute Anmoderation, die mir den roten Teppich ausrollt, macht einen Unterschied. Oder die Art, wie ich zum nächsten Meeting einlade.
Der Auftritt beginnt bereits vor dem Auftritt.
Der zweite Weg zu mehr Executive Presence ist Selbst-Bewusstheit, vor allem körperlich. Das ist schwer zu erklären, man muss es erfahren: Wie sehr bin ich in mir selbst anwesend? In welchem Maß bin ich mit mir verbunden? Schauspieler trainieren dieses Embodiment. Klarer Standpunkt, präsente Körperhaltung, freundliche Zugewandtheit – all das hilft, vom ersten Augenblick an Aufmerksamkeit zu bekommen.
Der erste Eindruck entsteht, bevor das erste Wort fällt
Führungskräfte investieren viel Zeit in Inhalte, Präsentationen und Argumente. Welche Wirkung entsteht bereits, bevor das Gegenüber den eigentlichen Inhalt bewertet?
Wenn wir jemanden sehen, haben wir sofort einen ersten Eindruck. Für den ersten Eindruck gibt es zwar eine zweite Chance, doch er hält sich meist ziemlich hartnäckig. Binnen Bruchteilen einer Sekunde machen wir uns ein Bild vom anderen: sympathisch oder unsympathisch? Glaubwürdig oder eher nicht? Und das, bevor die Person überhaupt das erste Wort gesprochen hat.
Die Psychologie stützt diese Alltagsbeobachtung: In den Experimenten von Janine Willis und Alexander Todorov reichten 100 Millisekunden Gesichtseindruck, um Urteile über Sympathie, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz zu bilden – längeres Hinsehen veränderte diese Urteile kaum noch, es machte die Betrachter nur sicherer.
Ob wir wollen oder nicht: Wirkung entsteht unmittelbar und unwillkürlich, bereits vor Inhalt und Argumentation. Die gute Nachricht ist, dass wir diesen ersten Eindruck gezielt beeinflussen können. Man sagt, Wirkung entstehe im Auge des Betrachters. Es sind aber alle Sinne, mit denen wir einander wahrnehmen:
- Sehen: Körperhaltung, Bewegungsmuster, Gestik, Mimik, Blickkontakt – dazu Kleidung, Stil, Frisur, Uhr, Schmuck, Tattoos.
- Hören: Wie klingt die Stimme? Eher hoch und dünn oder voll und warm? Eher hart und dominant – oder herzlich und einladend?
- Fühlen: Fühlen wir uns wohl in unserer Haut? Macht es uns Freude? Welche innere Haltung habe ich zu mir und zu den anderen? Beziehe ich sie mit ein? Fühlen sie sich gesehen und wertgeschätzt?
All das, was Menschen bewusst und unbewusst wahrnehmen, zahlt auf unser Charisma ein.
Stimmigkeit: Woran Mitarbeitende Glaubwürdigkeit erkennen
In Veränderungsprozessen, Krisen oder schwierigen Mitarbeitergesprächen zeigt sich Führung besonders deutlich. Woran hören und spüren Mitarbeitende, ob eine Führungskraft wirklich hinter dem steht, was sie sagt?
Wir spüren das meist intuitiv – und zwar am Grad der Stimmigkeit. Mitarbeitende fragen sich: Stimmt das, was mein Chef sagt, mit der Art überein, wie er es sagt? Hier entscheidet sich, ob Führungskräfte als klar und glaubwürdig wahrgenommen werden.
Ich bin überzeugt, dass Klarheit und Integrität eine Renaissance erleben werden.
Konkrete Einzelsignale, an denen sich Stimmigkeit festmachen ließe, gibt es aus meiner Sicht nicht. Eine stimmige Wirkung entsteht ganz von selbst, wenn unstimmige, irritierende Signale fehlen. Genau deshalb ist Executive Presence kein Bühnentrick, sondern eine Frage des inneren Zustands – ein Zusammenhang, der auch bei Selbstregulation als Führungskompetenz sichtbar wird.
Wie viel hier auf dem Spiel steht, zeigt der Gallup Engagement Index Deutschland 2025: Nur 18 Prozent der Beschäftigten fühlen sich von der Führung ihres Unternehmens für die Zukunft begeistert, lediglich 10 Prozent sind emotional hoch gebunden.
Executive Presence im KI-Zeitalter: Warum Präsenz wichtiger wird
Mit KI lassen sich Texte, Präsentationen und sogar Stimmen nahezu perfekt erzeugen. Wird persönliche Executive Presence dadurch weniger wichtig – oder passiert genau das Gegenteil?
KI kann täuschend echte Deepfakes erstellen. Bei Videos oder Sprachnachrichten können wir nicht mehr sicher sein: Ist das echt? Hat er oder sie das wirklich gesagt? Ich bin überzeugt: Je mehr wir von generischen KI-Inhalten geflutet werden, desto mehr Sehnsucht entsteht nach persönlicher Originalität. Je digitaler und virtueller wir unterwegs sind, desto bedeutungsvoller wird die persönliche Begegnung, der Handschlag im echten Leben. Und je weniger wir zwischen glaubwürdig und zweifelhaft unterscheiden können, desto stärker wird der Wunsch nach Klarheit und Integrität.
Mehr denn je gilt: Macht hat, wer reden kann. Originell, klar, integer.
Damit rückt in den Vordergrund, was sich nicht generieren lässt – ein Gedanke, der auch im Interview Haltung statt Methode eine zentrale Rolle spielt.
Drei Schritte zur eigenen Wirkungsanalyse
Eine fachlich starke Führungskraft merkt, dass sie in Meetings, Präsentationen oder Mitarbeitergesprächen nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Welche drei Dinge sollte sie als Erstes bei sich selbst beobachten und verändern?
Sich selbst beobachten ist der entscheidende Punkt. Denn wie will ich meine Wirkung ändern, wenn ich die Bedingungen, unter denen Wirkung entsteht, gar nicht kenne? Für effektives Wirkungsmanagement muss man zunächst genau hinschauen und hinhören: Wie wirke ich? Und was genau führt dazu, dass ich so wirke, wie ich wirke?
- Sich selbst aufnehmen. Machen Sie ein Video mit Ihrem Elevator Pitch. Die aufgezeichnete Stimme klingt anders als gewohnt – so bekommen Sie einen objektiveren Blick auf sich selbst. Schauen Sie die Aufnahme an und fragen Sie sich: Wie sind Stimme und Sprechweise, Körperhaltung und Bewegung, Wirkung und Präsenz? Was gefällt mir daran, was noch nicht?
- Feedback einholen. Von einem guten Freund oder einem Sparringspartner, der ehrlich ist.
- Eine professionelle Wirkungsanalyse machen – gemeinsam mit einer Expertin oder einem Experten des eigenen Vertrauens.
Meine Erfahrung: Die meisten Menschen sind in bestimmten Punkten sehr kritisch, oft zu kritisch mit sich selbst. Von wegen „Ich nuschele total“ oder „Ich spreche zu schnell“. Das ist selten wirklich der Fall. Die tatsächlichen Wirkungsdefizite liegen häufig in ganz anderen Bereichen. Eine professionelle Analyse bringt da Licht ins Dunkel – und ist meist der schnellste Weg zu mehr Executive Presence.
Über Frederik Beyer
Frederik Beyer ist Stimm- und Sprechtrainer und arbeitet seit 2008 selbstständig unter dem Titel „Erfolgsfaktor Stimme“ mit Unternehmern, Führungskräften und Vertriebsteams. Sein Angebot reicht von Impulsvorträgen über Präsenz-Seminare und Live-Online-Workshops bis zum Einzelcoaching; aktuell verschiebt er seinen Schwerpunkt bewusst von reinem Stimmtraining hin zu Executive Presence – also zur Gesamtwirkung von Führungspersönlichkeiten.
Beyer studierte an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar Gesang und Musiktheater (Diplom 2006) sowie Gesangspädagogik (Diplom 2008), beides mit Prädikat. Er trainiert seit 2007 auch am Institut für Sprechbildung Weimar, ist als Sprecher unter anderem für ARTE, ZDF, SWR und VOX tätig und Co-Autor des Fachbuchs „Omnichannel im Pharma-Vertrieb“ (Springer Gabler). Zudem ist er seit 2022 als Partner- und Gebietsdirektor im Unternehmernetzwerk BNI aktiv. Er lebt und arbeitet im Raum Stuttgart.
FAQ zu Executive Presence
Was bedeutet Executive Presence?
Executive Presence beschreibt die Gesamtwirkung einer Führungspersönlichkeit: äußeres Bild plus innere Haltung. Sie entscheidet mit darüber, ob Menschen jemandem folgen – noch bevor Argumente überhaupt geprüft werden.
Ist Charisma angeboren oder trainierbar?
Laut Frederik Beyer ist Charisma eine trainierbare Fähigkeit. Zwei Hebel wirken dabei: der Ruf, der einer Person vorauseilt – etwa durch eine gute Anmoderation –, und die körperliche Selbst-Bewusstheit, die Schauspieler als Embodiment trainieren.
Wie schnell entsteht der erste Eindruck?
In Bruchteilen einer Sekunde. Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits 100 Millisekunden ausreichen, um Urteile über Sympathie, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz zu bilden. Längeres Hinsehen ändert daran wenig.
Woran erkennen Mitarbeitende, ob eine Führungskraft glaubwürdig ist?
Am Grad der Stimmigkeit zwischen dem, was gesagt wird, und der Art, wie es gesagt wird. Eine stimmige Wirkung entsteht laut Beyer von selbst, wenn irritierende Signale fehlen.
Verliert persönliche Wirkung durch KI an Bedeutung?
Im Gegenteil: Je mehr generische KI-Inhalte und Deepfakes kursieren, desto größer wird die Sehnsucht nach Originalität, persönlicher Begegnung und Integrität. Executive Presence gewinnt dadurch an Gewicht.
Womit fängt man an, wenn die eigene Wirkung nicht stimmt?
Mit Selbstbeobachtung: sich per Video aufnehmen, ehrliches Feedback aus dem Umfeld einholen und anschließend eine professionelle Wirkungsanalyse machen. Viele Führungskräfte schätzen ihre vermeintlichen Schwächen falsch ein.









