Chronischer Stress: 5 Warnsignale, die Chefs übersehen

Chronischer Stress gilt in vielen Betrieben als Berufsrisiko, das man eben aushält. Dr. med. Dunja Martin sieht das anders. Die Fachärztin für Neurologie hat über 15 Jahre in Kliniken gearbeitet und begleitet heute Menschen in unternehmerischer Verantwortung ursachenorientiert. Ihre Beobachtung: Die ersten Warnsignale sind längst da, wenn Führungskräfte sie zum ersten Mal ernst nehmen. Im Interview erklärt sie, wo die Grenze zwischen hoher Belastung und Daueralarm verläuft, was das mit Entscheidungen macht und womit man anfangen sollte.

Chronischer Stress beginnt dort, wo die Erholung aufhört

Stress an sich ist für Dunja Martin nicht das Problem. Der Körper ist dafür gebaut, hochzufahren, Leistung zu bringen und danach wieder herunterzukommen. Entscheidend ist der letzte Teil. Solange das zuverlässig passiert, kann jemand über Jahre sehr viel leisten, ohne Schaden zu nehmen.

Die Grenze verläuft deshalb nicht bei der Menge an Arbeit, sondern bei der Frage, ob die Erholung noch funktioniert. Ein gesundes System fährt nach einer harten Woche in ein paar Urlaubstagen tatsächlich herunter. Ein dauerhaft aktiviertes nicht mehr.

Ihr Beispiel aus der Praxis: ein Projektleiter Anfang fünfzig, erfolgreiches Unternehmen, der wegen Schwindelattacken zu ihr kam. Nicht wegen Erschöpfung, die hätte er nie als Grund genannt. Seine Arbeit empfand er als erfüllend, und das war ehrlich gemeint. Erst im Gespräch kam der Rest: Seit etwa zwei Jahren musste er sich ungewöhnlich stark anstrengen, um sich zu konzentrieren. Er wachte morgens bereits müde auf. In dieser Zeit hatte er gut zwanzig Kilo zugenommen und einen Bluthochdruck entwickelt. Nichts davon hatte er als zusammenhängend wahrgenommen, weil er die Arbeit ja gern machte.

„Der Körper unterscheidet nicht zwischen Belastung, die Freude macht, und Belastung, die keine macht.“

Viele ihrer Patienten schlafen sieben bis acht Stunden, wachen trotzdem gerädert auf, brauchen mehrere Tassen Kaffee, um durch den Tag zu kommen, verlieren Haare oder sind auffällig infektanfälliger. Für den Alltag empfiehlt sie eine einfache Selbstprüfung: Was ist mir aufgefallen, wie lange besteht es schon, und bessert es sich nach einer angemessenen Erholungsphase wieder?

„Wenn die Antwort auf den letzten Teil Nein lautet, ist das unabhängig von allen Laborwerten ein Befund.“

Wer an dieser Stelle ansetzen will, findet in der Selbstregulation als Führungskompetenz den passenden Rahmen für den Führungsalltag.

Fünf Veränderungen, die als normal durchgehen

Auf die Frage, was Führungskräfte besonders häufig mit „Das ist in meinem Alter normal“ erklären, nennt Dunja Martin fünf Punkte, die immer wieder kommen:

  • Der Schlaf. Oft keine massive Schlafstörung, sondern eine leicht verlängerte Einschlafzeit, ein unruhiger Schlaf oder nächtliches Aufwachen, um zur Toilette zu gehen. Das wird fast reflexhaft auf das Alter geschoben.
  • Die Müdigkeit nach dem Essen. Für viele normal, häufig aber der erste Hinweis auf eine gestörte Glukoseverwertung – Jahre bevor ein Nüchternblutzucker auffällig wird. Hier schließt sich der Kreis zum Stress: Cortisol hebt den Blutzucker an und macht die Zellen unempfindlicher für Insulin.
  • Fokusprobleme. Meist als Brainfog beschrieben: verlangsamtes Denken, Wortfindungsstörungen, Vergesslichkeit. Das Gefühl, Watte im Kopf zu haben.
  • Die Libido. Wird fast nie angesprochen, ist aber eines der ehrlichsten Signale, weil Fortpflanzung für einen Körper im Daueralarm keine Priorität hat.
  • Die Erholungszeit. Nach Sport oder nach einem Infekt dauert die Regeneration deutlich länger als früher. Nach einem banalen Erkältungsinfekt kann man sich noch zwei bis drei Wochen nicht leistungsfähig fühlen.

Was diese Punkte verbindet: Einzeln erklärt sich jeder plausibel. Auffällig werden sie erst im Muster. Bei dem Projektleiter hatte jeder Einzelbefund seine eigene Erklärung – die Gewichtszunahme angeblich vom Alter, der Bluthochdruck lag in der Familie, die Müdigkeit an der Projektphase. Im Labor zeigten sich dann leicht erhöhte Leberwerte und ein grenzwertiger Zuckerstoffwechsel. Erst nebeneinandergelegt ergab das ein klares Bild, das seit Jahren bestand.

Deshalb fragt sie nie nach einem einzelnen Symptom, sondern nach der Entwicklung über ein bis zwei Jahre. Die meisten merken beim Erzählen selbst, dass sie schon lange nachjustieren.

Was chronischer Stress mit der Entscheidungsfähigkeit macht

Unter chronischem Stress ist die Reizfilterung gestört. Normalerweise sortiert das Gehirn vor: Was ist wichtig, was kann warten. Fällt dieser Filter aus, kommen alle Reize mit gleicher Wucht an – die Mail, das Gespräch auf dem Flur, das Telefonat, das nächste Meeting, die Zahl im Report. Alles wird gleich gewichtet. Das führt zur Überforderung, auch bei Menschen, die vorher enorm belastbar waren.

Auf der Entscheidungsebene verschiebt sich die Steuerung vom präfrontalen Kortex, dem Areal für Abwägung und Impulskontrolle, hin zu den schnellen, reflexhaften Arealen. Sinnvoll bei Sekundenentscheidungen, teuer bei strategischen. Das Denken wird enger, die Flexibilität nimmt ab. Auch die Risikoeinschätzung kippt – in beide Richtungen: Manche werden übervorsichtig, andere leichtsinnig.

Ihr zweiter Fall macht das greifbar: eine Führungskraft Mitte vierzig aus einem großen IT-Unternehmen. Er kam wegen Schlafstörungen, Einschlafen und Durchschlafen, dazu nächtliches Wasserlassen. Beunruhigt hatte ihn aber etwas anderes: eine Impulsivität, die er so von sich nicht kannte. Er reagierte in Meetings schärfer, als er wollte, und merkte es erst hinterher. Sein Alltag bestand aus hoher Meeting-Dichte, er nahm Arbeit mit nach Hause und saß bis dreiundzwanzig Uhr am Rechner. Abends war er körperlich bei seiner Familie, aber, wie er es selbst formulierte, nie wirklich anwesend.

Woran Teams es zuerst merken

Im Unternehmen zeigen sich solche Entwicklungen an konkreten Stellen: Meetings werden länger und ergebnisärmer, Delegieren fällt schwerer, Konflikte eskalieren schneller oder werden gar nicht mehr geführt.

„Am häufigsten höre ich den Satz: Es wird viel gearbeitet, aber wenig entschieden.“

Genau dort wird aus einem privaten Thema ein betriebliches. Wenn Konflikte nicht mehr geführt werden, verschiebt sich die Eskalation nur nach hinten – wie sich das steuern lässt, zeigt der Beitrag zum Konfliktmanagement für Führungskräfte im Mittelstand. Für Dunja Martin ist das der Punkt, an dem Gesundheit aufhört, Privatsache zu sein.

Womit Führungskräfte anfangen sollten

Der erste Schritt ist das Wahrnehmen: die Warnzeichen ernst nehmen, obwohl man noch funktioniert. Das klingt banal, ist aber die eigentliche Hürde, weil das Funktionieren als Beweis dafür gilt, dass alles in Ordnung ist.

Danach nennt sie drei Dinge, die sofort greifen, unabhängig von jedem Befund:

  • Eine feste Schlafhygiene, also verlässliche Zeiten und ein Ende der Bildschirmarbeit am Abend.
  • Krafttraining zweimal pro Woche.
  • Kein Alkohol und kein schweres Essen am späten Abend, weil beides die nächtliche Erholung zuverlässig zerstört.

Dazu kommt etwas, das die meisten unterschätzen: kurze, regelmäßige Phasen echter Regulation im Alltag, in denen das Nervensystem wieder lernt herunterzufahren. Nicht stundenlange Pausen, sondern kurze Anwendungen, die sich zwischen zwei Termine schieben lassen. Bei der IT-Führungskraft war genau das der entscheidende Schritt: nicht weniger Arbeit, sondern klare Übergänge zwischen Anspannung und Erholung – und ein festes Ende des Arbeitstages. Wie stark schon die Struktur der Arbeitswoche darauf einzahlt, zeigt der Beitrag zu weniger Arbeitszeit als Unternehmer.

Parallel würde sie nüchtern Messdaten erheben: eine funktionelle Labordiagnostik und zwei bis vier Wochen Schlafdaten sowie Daten zur Herzfrequenzvariabilität. Damit lässt sich der Zustand in Zahlen abbilden – und auf diese Zahlen sollte dann auch reagiert werden.

Einordnung

Chronischer Stress ist keine Frage der Wochenstunden, sondern der Erholung. Wer als Führungskraft wissen will, wo er steht, braucht dafür keinen Zusammenbruch als Beweis: Die Frage, ob sich etwas nach einer angemessenen Pause wieder bessert, kostet nichts und beantwortet mehr, als die meisten erwarten. Und sie ist auch betrieblich relevant – mentale Leistungsfähigkeit im Unternehmen entscheidet mit darüber, wie schnell und wie sauber entschieden wird.

FAQ zum Thema chronischer Stress

Wo verläuft die Grenze zwischen hoher Belastung und Daueralarm?

Nicht bei der Menge an Arbeit, sondern bei der Erholung. Ein gesundes System fährt nach einer harten Woche in ein paar Urlaubstagen herunter. Bleibt diese Erholung aus, ist das laut Dunja Martin unabhängig von Laborwerten ein Befund.

Schützt erfüllende Arbeit vor Überlastung?

Nein. Der Körper unterscheidet zwar zwischen positivem und negativem Stress, dennoch ist er einer chronischen hochfunktionellen Belastung ausgesetzt. Gerade wer seine Arbeit gern macht, ordnet Symptome besonders lange anders ein.

Welche Warnsignale werden am häufigsten wegerklärt?

Schlaf, der nicht mehr erholt, Müdigkeit nach dem Essen, Brainfog, eine nachlassende Libido und eine deutlich verlängerte Erholungszeit nach Sport oder Infekten. Einzeln erklärt sich jedes Signal plausibel – auffällig werden sie erst im Muster.

Wie verändert chronischer Stress Entscheidungen?

Die Reizfilterung fällt aus, alle Reize kommen gleich gewichtet an. Die Steuerung verschiebt sich vom präfrontalen Kortex zu schnellen, reflexhaften Arealen. Das Denken wird enger, die Risikoeinschätzung kippt in beide Richtungen: übervorsichtig oder leichtsinnig.

Woran erkennt man das im Unternehmen?

An längeren, ergebnisärmeren Meetings, schwerer fallender Delegation und Konflikten, die schneller eskalieren oder gar nicht mehr geführt werden. Der Satz, den Dunja Martin am häufigsten hört: Es wird viel gearbeitet, aber wenig entschieden.

Was hilft sofort, unabhängig von jedem Befund?

Feste Schlafzeiten mit einem Ende der Bildschirmarbeit am Abend, zweimal pro Woche Krafttraining und kein Alkohol oder schweres Essen am späten Abend. Dazu kurze, regelmäßige Phasen echter Regulation zwischen zwei Terminen.

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