Es ist ein Widerspruch, der sich durch fast jedes mittelständische Unternehmen zieht: Investitionen in neue Software, in schlankere Prozesse und in Weiterbildung laufen auf Hochtouren, während die eigentliche Ressource, die über den Erfolg dieser Investitionen entscheidet, kaum Beachtung findet. „Die beste Software bringt wenig, wenn Mitarbeitende aufgrund von Reizüberflutung, Stress oder fehlender Konzentration ihr Potenzial nicht ausschöpfen können“, sagt Marinela Sabelja, Gründerin von more4brain und Expertin für Gehirntraining und mentale Strategien.
Im Gespräch erklärt sie, warum mentale Leistungsfähigkeit längst kein weicher Faktor mehr ist, sondern ein harter wirtschaftlicher Erfolgshebel, warum Multitasking eine der teuersten Selbsttäuschungen der Arbeitswelt ist und weshalb ausgerechnet im Zeitalter der künstlichen Intelligenz die Fähigkeit zum konzentrierten Denken wichtiger wird statt überflüssiger.
Der wichtigste Erfolgsfaktor sitzt jeden Morgen am Schreibtisch
Sabelja begegnet in ihren Workshops immer wieder demselben Muster: Unternehmen digitalisieren, optimieren Prozesse, schulen Fachwissen, und wundern sich, warum der erhoffte Sprung in der Produktivität ausbleibt. Ihre Erklärung setzt an einer Stelle an, die in Investitionsplänen selten auftaucht. „Unser Gehirn verarbeitet heute täglich eine enorme Menge an Informationen. Es muss ständig entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Diese permanente Belastung kostet Energie, oft, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen“, erklärt sie. Genau diese unsichtbare Erschöpfung sei der Grund, warum selbst gut ausgestattete Teams unter ihren Möglichkeiten blieben.
Ihr Fazit ist bewusst zugespitzt formuliert: „Unternehmen investieren viel Geld in Maschinen und Systeme. Der wichtigste Erfolgsfaktor sitzt aber jeden Morgen am Schreibtisch. Und genau dieser verdient mindestens genauso viel Aufmerksamkeit.“ Mentale Leistungsfähigkeit sei damit keine Wellness-Frage, sondern eine Grundlage für Produktivität, Fehlervermeidung, Kreativität und gute Entscheidungen, also für genau jene Größen, an denen sich unternehmerischer Erfolg tatsächlich bemisst.
Bemerkenswert an Sabeljas Einordnung ist, dass sie das Thema bewusst von der klassischen betrieblichen Gesundheitsförderung abgrenzt. Es gehe ihr nicht um ein zusätzliches Angebot neben dem eigentlichen Geschäft, sondern um eine Voraussetzung dafür, dass bestehende Investitionen überhaupt ihre volle Wirkung entfalten können. Diese Verschiebung der Perspektive, weg vom Zusatzangebot, hin zur Grundvoraussetzung, ist der eigentliche Kern ihrer Botschaft an Unternehmer und Geschäftsführer.
Der Mythos Multitasking
Kaum ein Irrtum hält sich in der Arbeitswelt so hartnäckig wie der vom produktiven Multitasking. Sabelja widerspricht ihm ohne Umschweife: „Unser Gehirn kann keine zwei anspruchsvollen Aufgaben gleichzeitig bearbeiten. Es wechselt lediglich sehr schnell zwischen ihnen hin und her.“ Jeder dieser Wechsel, so ihre Beobachtung aus zahlreichen Trainings, koste Aufmerksamkeit, Zeit und Energie, meist unbemerkt von den Betroffenen selbst.
Die Folgen davon erlebt sie regelmäßig unmittelbar im Workshop. „Ich erlebe häufig, dass Menschen überrascht sind, wie schnell ihre Konzentration nachlässt, wenn ständig Unterbrechungen stattfinden.“ Die Konsequenz: Flüchtigkeitsfehler nehmen zu, Entscheidungen werden oberflächlicher, kreative Lösungen bleiben aus. Ihr Bild dafür ist griffig: Kreativität brauche Freiraum, gute Entscheidungen brauchten Fokus, und beides entstehe nicht zwischen zehn geöffneten Programmen, laufenden Benachrichtigungen und permanenten E-Mails.
„Wir können die Informationsflut nicht verhindern. Aber wir können lernen, bewusster mit ihr umzugehen. Genau darin liegt heute eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen.“
Interessant an dieser Beobachtung ist, wie wenig sie mit der landläufigen Vorstellung von jüngeren, digital versierten Mitarbeitenden übereinstimmt, die vermeintlich besser im gleichzeitigen Bearbeiten mehrerer Kanäle seien. Sabelja widerspricht dieser Annahme klar: Die kognitive Grundmechanik des Aufgabenwechsels unterscheide sich nicht nach Generation oder digitaler Gewohnheit, sondern folge denselben neurologischen Grenzen bei allen Menschen, unabhängig davon, wie geübt jemand im Wechsel zwischen Anwendungen erscheint.
Kleine Gewohnheiten statt großer Programme
Wer bei Sabelja ein umfangreiches, kostspieliges Gesundheitsprogramm erwartet, wird überrascht. Ihr Ansatz setzt bewusst klein an. „Viele erwarten komplizierte Programme. Dabei beginnt Veränderung oft mit kleinen Gewohnheiten.“ Schon kurze Brain Breaks zwischen intensiven Arbeitsphasen könnten die Aufmerksamkeit deutlich verbessern, ergänzt um bewegte Pausen, bewusste Erholungsphasen und eine Unternehmenskultur, in der konzentriertes Arbeiten überhaupt erst möglich sei.
Viele der Übungen, die sie in ihren Workshops vermittelt, dauern nach eigener Aussage weniger als eine Minute und lassen sich direkt im Arbeitsalltag einsetzen, ohne zusätzlichen organisatorischen Aufwand. Entscheidend sei dabei nicht der punktuelle Impuls. „Entscheidend ist nicht, einmal im Jahr einen Gesundheitstag zu veranstalten. Entscheidend ist, mentale Leistungsfähigkeit regelmäßig zu trainieren, genauso selbstverständlich wie fachliche Kompetenzen.“ Ihr Argument dafür liefert sie gleich mit: Das Gehirn liebe Wiederholung, kleine Impulse bewirkten in regelmäßiger Anwendung langfristig deutlich mehr als seltene Einzelmaßnahmen.
Für Unternehmen, die aus diesen Erkenntnissen konkrete erste Schritte ableiten wollen, empfiehlt sich nach Sabeljas Erfahrung ein schrittweises Vorgehen: zunächst ein einzelnes Team als Pilotgruppe, in dem feste, kurze Konzentrationsphasen ohne Unterbrechung eingeführt werden, begleitet von wenigen einfachen Übungen. Erst nach einigen Wochen, wenn sich erste spürbare Effekte zeigen, folgt die Ausweitung auf weitere Bereiche. Dieses Vorgehen deckt sich mit ihrer generellen Überzeugung, dass Nachhaltigkeit wichtiger ist als Geschwindigkeit.
Was modernes Gehirntraining wirklich bedeutet
Sabelja begegnet in ihrer Arbeit ständig demselben Missverständnis: Gehirntraining werde reflexhaft mit Rätseln, Sudoku oder klassischen Denksportaufgaben gleichgesetzt. „Das greift jedoch viel zu kurz“, stellt sie klar. Modernes Gehirntraining bedeute stattdessen, das Gehirn gezielt dabei zu unterstützen, Informationen effizienter zu verarbeiten, neue Verbindungen aufzubauen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Besonders wirksam seien dabei Übungen, die Bewegung, Koordination und Denken miteinander verbinden, weil genau dadurch neue Reize für das Gehirn entstehen.
Ein zweiter Irrtum, dem sie regelmäßig begegnet, betrifft den vermeintlich nötigen Zeitaufwand. „In der Praxis erlebe ich genau das Gegenteil. Bereits wenige Minuten gezieltes Training können Konzentration, Aufmerksamkeit und geistige Aktivität spürbar verbessern.“ Entscheidend sei nicht die Dauer, sondern die Regelmäßigkeit und die Freude an der Übung, denn das Gehirn lerne am besten, wenn Motivation und positive Emotionen dazukommen, ein Punkt, den viele betrieblichen Gesundheitsprogramme in ihrer Ernsthaftigkeit gerne übersehen.
Die Rolle der Führungskraft
Für Sabelja ist die Verantwortung an dieser Stelle klar verteilt. Führungskräfte beeinflussten nicht nur Arbeitsabläufe, sondern die gesamte Kultur eines Unternehmens. „Wenn permanente Erreichbarkeit, Zeitdruck und ständige Unterbrechungen zur Normalität werden, wirkt sich das unmittelbar auf Konzentration, Motivation und Gesundheit aus.“ Gute Führung bedeute deshalb auch, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen fokussiertes Arbeiten tatsächlich möglich sei, statt es in Sonntagsreden zu fordern und im Alltag durch permanente Unterbrechung zu untergraben.
Dazu gehöre, Pausen nicht als verlorene Zeit zu betrachten, sondern als Investition in Leistungsfähigkeit, ebenso wie eine offene Kommunikation und das Bewusstsein, dass mentale Stärke trainierbar sei, keine feste Eigenschaft, mit der manche Mitarbeitende ausgestattet seien und andere nicht. Ihr Fazit für Führungskräfte fasst sie kompakt zusammen: „Wer in seine Mitarbeitenden investiert, investiert gleichzeitig in Qualität, Innovationskraft und langfristigen Unternehmenserfolg.“
Diese Sichtweise stellt implizit auch etablierte Führungsmythen infrage, etwa das Bild der jederzeit erreichbaren Führungskraft als Vorbild für Einsatzbereitschaft. Wenn ständige Erreichbarkeit tatsächlich Konzentration und Entscheidungsqualität untergräbt, wie Sabelja argumentiert, dann wird aus einem vermeintlichen Vorbildverhalten ein strukturelles Risiko, das sich über die gesamte Führungsebene auf das restliche Unternehmen überträgt.
Zukunftskompetenz im Zeitalter der künstlichen Intelligenz
Gerade weil künstliche Intelligenz viele Aufgaben schneller und effizienter erledigen wird als Menschen, gewinnen nach Sabeljas Überzeugung ausgerechnet jene Fähigkeiten an Wert, die keine Technologie ersetzen kann: Konzentration, Kreativität, kritisches Denken, Anpassungsfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit, Informationen sinnvoll zu bewerten. „Die Herausforderung der Zukunft wird nicht darin bestehen, möglichst viele Informationen zu sammeln. Die Herausforderung wird sein, die richtigen Informationen auszuwählen und daraus gute Entscheidungen zu treffen“, sagt sie.
Diese Einschätzung führt sie zu einer klaren Positionierung, die sich bewusst von technologiegetriebener Euphorie ebenso absetzt wie von pauschaler KI-Skepsis: „Mentale Leistungsfähigkeit wird zu einer der wichtigsten Zukunftskompetenzen überhaupt.“ Ihr Schlusssatz zum Thema bringt die Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine auf den Punkt: „KI kann uns unterstützen. Denken müssen wir trotzdem noch selbst.“
Diese Haltung unterscheidet sich spürbar von zwei verbreiteten Extrempositionen in der aktuellen Debatte: der unkritischen Technologiebegeisterung, die menschliche Fähigkeiten als zunehmend verzichtbar einordnet, und der pauschalen Abwehrhaltung, die jede neue Technologie als Bedrohung wahrnimmt. Sabelja positioniert sich bewusst dazwischen, mit einem klaren Fokus darauf, welche menschlichen Fähigkeiten durch Technologie wichtiger, nicht überflüssiger werden.
Drei Empfehlungen für die Unternehmenspraxis
Am Ende des Gesprächs verdichtet Sabelja ihre Erfahrung zu drei konkreten Empfehlungen für Unternehmer und Führungskräfte, die mentale Leistungsfähigkeit gezielt fördern wollen.
- Mentale Leistungsfähigkeit als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor verstehen, nicht als reine Gesundheitsmaßnahme, die im Zweifel als Erstes aus dem Budget gestrichen wird.
- Bewusst Raum für Konzentration, Bewegung und Erholung schaffen, denn dauerhafte Höchstleistung funktioniere nicht ohne Regeneration, das Gehirn brauche beides gleichermaßen.
- Mit kleinen, regelmäßigen Veränderungen beginnen, statt auf ein großes Programm zu warten. Oft reichten wenige Minuten pro Tag, um langfristig einen spürbaren Unterschied zu erreichen.
Ihr Schlussgedanke fasst die gesamte Argumentation noch einmal zusammen und macht deutlich, warum sie das Thema nicht als Randnotiz, sondern als strategische Frage versteht: „Die Unternehmen, die in Zukunft erfolgreich sein werden, investieren nicht nur in Technologie. Sie investieren vor allem in die Menschen, die diese Technologie sinnvoll nutzen.“
Auch für die Kommunikation innerhalb der Geschäftsführung liefert dieser Ansatz einen praktischen Vorteil: Statt eine abstrakte Diskussion über Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu führen, lässt sich mentale Leistungsfähigkeit direkt an Kennzahlen koppeln, die ohnehin im Controlling betrachtet werden, etwa Fehlerquoten, Durchlaufzeiten oder die Qualität getroffener Entscheidungen. Diese Verbindung erleichtert es, das Thema auch in Unternehmen zu verankern, in denen Investitionen traditionell streng nach Wirtschaftlichkeit bewertet werden.
Was im Gespräch bewusst offenbleibt
Sabeljas Argumentation lebt von ihrer Klarheit, gerade deshalb lohnt der Blick auf das, was im Rahmen eines kurzen Interviews zwangsläufig unausgesprochen bleibt. Wie genau sich mentale Leistungsfähigkeit branchenspezifisch unterscheidet, etwa zwischen Schichtbetrieben in der Produktion und Wissensarbeit im Büro, wird im Gespräch nicht vertieft. Ebenso offen bleibt die Frage, wie Unternehmen den Erfolg solcher Maßnahmen tatsächlich messen können, jenseits subjektiver Rückmeldungen aus Workshops. Für Unternehmen, die das Thema ernsthaft angehen wollen, dürfte damit die konkrete Ausgestaltung, nicht die grundsätzliche Überzeugungsarbeit, die eigentliche Aufgabe der kommenden Monate sein.
Fazit für die Praxis
Für Geschäftsführer und Führungskräfte, die sich in der Ausgangsbeobachtung wiedererkennen, liefert Sabeljas Perspektive keine komplizierte Blaupause, sondern eine Reihenfolge: erst die eigene Grundhaltung zu Pausen, Fokus und Erreichbarkeit hinterfragen, dann kleine, wiederholbare Routinen im Team etablieren, und erst danach über größere Programme nachdenken. Mentale Leistungsfähigkeit ist in diesem Verständnis kein einmaliges Projekt, sondern eine fortlaufende Praxis, die genau dort ansetzt, wo Investitionen in Technologie und Prozesse an ihre Grenzen stoßen: bei der Frage, wie gut die Menschen im Unternehmen tatsächlich in der Lage sind, all das sinnvoll zu nutzen.
Über Marinela Sabelja
Marinela Sabelja ist Gründerin von more4brain mit Sitz in Österreich. Sie arbeitet mit Unternehmen, Führungskräften und Teams an Gehirntraining und mentalen Strategien und vermittelt in Workshops praxisnahe, kurze Übungen zur Steigerung von Konzentration, Aufmerksamkeit und geistiger Leistungsfähigkeit im Arbeitsalltag.









