Petra Sommerfeld über empathische Führung und gesunde Grenzen

Empathische Führung: 3 wirksame Schritte zur Klarheit

Empathische Führung wird schnell mit Grenzenlosigkeit verwechselt – wer als Führungskraft jedem Konflikt aus dem Weg geht, hält den Betrieb nicht zusammen, sondern bremst ihn aus. Mit der Erfahrung aus über 25 Jahren an den strategischen Schnittstellen nationaler und internationaler Unternehmensleitungen begleitet Petra Sommerfeld seit 2015 als Business-Mentorin bei Holistic Transformation (hoch)sensible Unternehmerinnen, Solopreneurinnen und Führungskräfte dabei, aus wohlmeinender Rücksichtnahme wieder klare Führung werden zu lassen. Im Interview erklärt sie, wann Harmoniebedürfnis zur Gefahr wird, warum gerade empathische Führung so oft mit unklaren Grenzen einhergeht und was den entscheidenden ersten Schritt zurück in die eigene Kraft ausmacht.

Wenn der Schein des Friedens wichtiger wird als Klarheit

Der Wunsch nach einem harmonischen Miteinander ist für Petra Sommerfeld eine echte unternehmerische Stärke und eine Voraussetzung für empathische Führung: Er entspringt der Fähigkeit, Stimmungen früh wahrzunehmen und Räume für Vertrauen zu schaffen. Kritisch wird es erst an einem ganz bestimmten Punkt.

„Der kritische Punkt ist genau dann erreicht, wenn der Schein des Friedens höher bewertet wird als die notwendige Klarheit in der Sache.“

Werden Unstimmigkeiten verschwiegen, Erwartungen unklar gelassen oder nötige Korrekturen vermieden, kippt aus ihrer Sicht die Dynamik im gesamten Unternehmen. Dabei sind Konflikte wertvolle Hinweise auf unterschiedliche Sichtweisen und Rollenperspektiven. Werden sie transparent genutzt, liegt darin die größte Chance für Innovation und Qualität. Bleiben sie unbearbeitet, entstehen aus ihrer Erfahrung:

  • Orientierungslosigkeit, weil Spekulationen die fehlende offene Kommunikation ersetzen.
  • Blockierte Performance, weil Fachexpertise aus falscher Rücksicht zurückgehalten wird.
  • Der Verlust echter Verbundenheit, weil Leistungsträger an ungelösten Schieflagen resignieren.

Empathische Führung beginnt bei der eigenen Wahrnehmung

Warum tun sich gerade einfühlsame oder hochsensible Führungskräfte schwer damit, Grenzen zu setzen?

Für empathische Führung liegt die Antwort nicht in fehlender Durchsetzungsstärke, sondern in der Natur der feinen Wahrnehmung selbst. Drei Muster beschreibt sie als typisch:

  • Das Verwechseln fremder Emotionen mit dem eigenen Empfinden, sodass man automatisch zurücktritt, um dem Gegenüber Raum zu geben.
  • Die „Resonanzfalle“, das unbewusste Bedürfnis, gemocht zu werden, wodurch eine Grenze fälschlich als Trennung statt als Akt der Klarheit verstanden wird.
  • Der fehlende innere Ankerplatz, der entsteht, wenn die Aufmerksamkeit vorrangig nach außen gerichtet ist und dadurch der Kontakt zu sich selbst verloren geht.

Empathische Führung, so ihre Kernaussage, gewinnt genau dann an Stabilität, wenn diese Wahrnehmungsfähigkeit als Stärke erkannt und bewusst eingesetzt wird.

„Echte Führung bedeutet, energetisch so fest in deiner eigenen Mitte zu ruhen und verbunden zu sein, dass du zur Orientierung für andere wirst – wie der Leuchtturm am Ufer.“

Die Signale, dass Rücksichtnahme bereits schadet

Woran erkennen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, dass ihre Rücksichtnahme längst in Vermeidung umgeschlagen ist?

Petra Sommerfeld unterscheidet zwischen inneren Signalen und Anzeichen im Unternehmen. Im eigenen System zeigen sie sich als:

  • Gedankenschleifen vor unangenehmen Gesprächen,
  • körperliche Erschöpfung wie Enge im Brustbereich vor bestimmten Meetings oder
  • Ausweichen auf operative Nebenschauplätze, um der eigentlichen Kernentscheidung aus dem Weg zu gehen.

Im Unternehmen selbst nennt sie:

  • zähe Entscheidungswege, bei denen Themen von einer Agenda zur nächsten geschoben werden, ohne dass klare Fristen oder Verantwortlichkeiten entstehen.
  • Schatten-Gespräche“ auf dem Flur oder im Chat direkt nach dem offiziellen Meeting.
  • Rückmeldungen, die bei Appellen bleiben, statt verbindliche Rahmenbedingungen durchzusetzen.

„Rücksichtnahme wird genau in dem Moment ungesund, in dem du die Gefühle oder die Komfortzone deines Gegenübers höher stellst als die Klarheit, die dein gesamtes Unternehmen und letztlich auch der Mensch selbst gerade braucht.“

Praxisbeispiel: Vom inneren Käfig zur klaren Stimme

Wie fehlende Grenzen empathische Führung im Alltag ausbremsen können, zeigt ein Beispiel aus Petra Sommerfelds Begleitung: eine fachlich herausragende, hochsensible Abteilungsleiterin, deren Stimme im Team ebenso wenig gehört wurde wie gegenüber dem Geschäftsführer. Aus Sorge vor Widerstand wich sie in entscheidenden Momenten zurück und passte sich an – mit der Folge, dass ihre Zaghaftigkeit zu Unklarheiten in Projekten führte und der Geschäftsführer ihre Beiträge zunehmend überging.

Petra Sommerfeld betont dabei ausdrücklich, dass Feinsinnigkeit und Hochsensibilität bei Männern und Frauen gleichermaßen ausgeprägt sind. Bei Frauen in Führungspositionen beobachtet sie jedoch häufiger, dass sie sich in vor allem männlich geprägten Strukturen unbewusst klein machen, statt in ihre volle Präsenz zu treten.

Statt an der Oberfläche mit Verhaltenstraining anzusetzen, ging die Arbeit tief an die Wurzel: Das Zurückweichen erwies sich als ein früh erlernter Schutzreflex vor dem strengen Vater. Als die Abteilungsleiterin erkannte, dass sie diesen Mechanismus als erwachsene Frau nicht mehr brauchte, konnte sie ihr feines Gespür erstmals voll annehmen, fühlte sich geerdet und sicher.

„Unsere Business-Realität ist oft nur die Bühne für unsere ungelösten Themen aus der Ursprungsfamilie bzw. Erfahrungen der Vergangenheit.“

Im nächsten Führungskräfte-Meeting formulierte sie ihre Strategie ruhig und souverän – der Geschäftsführer hörte zu und setzte ihre Vorschläge direkt um, Projekte liefen zügiger, und der Respekt ihr gegenüber stieg spürbar. Wie stark innere Selbstregulation mit äußerer Wirkung zusammenhängt, beschreibt auch der Beitrag zur Selbstregulation als Führungskompetenz.

Der erste Schritt: 3 wirksame Übungen für mehr Klarheit

Auf die Frage nach dem wichtigsten ersten Schritt für Führungskräfte, die aus Angst vor Konflikten nicht in ihrer vollen Kraft führen, wird Petra Sommerfeld konkret. Empathische Führung beginnt für sie nicht mit einer neuen Methode, sondern mit einer einzigen inneren Haltungsänderung. Ihr Ausgangspunkt:

„Hör‘ auf, den Konflikt im Außen vermeiden oder weghaben zu wollen! Anerkenne, was ist.“

Wer merkt, dass er ausweicht oder eine Entscheidung vor sich herschiebt, sollte kurz innehalten und bewusst tief ein- und ausatmen – das beruhigt das Nervensystem. Darauf aufbauend empfiehlt sie drei konkrete Übungen:

  1. Den eigenen Impuls erkennen. Fragen wie „Was ist das?“, „Wen versuche ich gerade im Außen zu beschützen?“ oder „Geht es um mein eigenes Bedürfnis, gemocht zu werden?“ setzen der Vermeidungs-Dynamik allein durch das Benennen einen Stopp.
  2. Den Widerstand im Körper fühlen. Die Angst vor Reibung zeigt sich oft als körperliche Enge im Hals, in der Brust oder im Bauch. Statt sie wegzuargumentieren, empfiehlt Petra Sommerfeld, sie für einige Sekunden bewusst wahrzunehmen und da sein zu lassen – sobald das Gefühl Raum bekommt, verliert es seine Macht.
  3. Ein Zeichen der Klarheit setzen. Ein einziges, bislang aufgeschobenes Thema noch am selben Tag angehen: eine Erwartung offen aussprechen, ein unpassendes spontanes Gespräch ablehnen oder eine klare Deadline für eine offene Entscheidung setzen.

Diese drei Übungen lassen sich auch einsetzen, wenn ein Konflikt bereits eskaliert oder ein Meeting an einer Sachfrage festhängt – Ansatzpunkte dafür liefert auch der Beitrag zum Konfliktmanagement für Führungskräfte im Mittelstand.

„Echte Führung beginnt mit Selbst-Führung und ist kein Schalter, den du einmal umlegst – Licht an, Licht aus. Sie ist ein Muskel, der täglich sanft trainiert werden und wachsen möchte.“

Einordnung: Empathische Führung
Zukunftskompetenz, die Menschen und Unternehmen voranbringt

Petra Sommerfelds Fazit für Führungspersönlichkeiten, die ihre Hochsensibilität und Empathie künftig gezielt nutzen wollen: Diese Eigenschaften sind keine Schwachstelle, die es zu kompensieren gilt, sondern die Grundlage echter Präsenz, die gelebt werden will. Sie beschreibt das gesunde Zusammenspiel als „Soul- & Self-Leadership“ – aus tiefer Intuition und der Fähigkeit zu echten Beziehungen auf der einen Seite, aus glasklarer Ausrichtung und Umsetzungskraft auf der anderen. Aus der Sorge vor Reibung wird so die Leichtigkeit, klare Räume für Innovation zu schaffen; aus dem Impuls der Anpassung entsteht Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und souveräne Handlungsfähigkeit.

FAQ zum Thema empathische Führung

Ab wann wird Harmoniebedürfnis in der Führung gefährlich?

Genau dann, wenn der Schein des Friedens höher bewertet wird als die notwendige Klarheit in der Sache – etwa wenn Unstimmigkeiten verschwiegen oder nötige Korrekturen vermieden werden.

Warum fällt gerade empathischen Führungskräften das Grenzensetzen schwer?

Weil sie fremde Emotionen leicht mit dem eigenen Empfinden verwechseln, unbewusst gemocht werden wollen und ihnen dadurch oft ein innerer Ankerplatz fehlt. Eine Grenze wird dann fälschlich als Trennung statt als Akt der Klarheit erlebt.

An welchen Signalen erkennt man vermiedene Konflikte im Unternehmen?

An zähen Entscheidungswegen ohne klare Fristen, an „Schatten-Gesprächen“ direkt nach dem offiziellen Meeting und an Rückmeldungen, die bei Appellen bleiben, statt verbindliche Rahmenbedingungen zu setzen.

Was ist der wichtigste erste Schritt zu mehr Klarheit?

Anerkennen, was ist, statt den Konflikt im Außen vermeiden zu wollen. Darauf folgen drei Übungen: den eigenen Impuls erkennen, den Widerstand im Körper fühlen und noch am selben Tag ein Zeichen der Klarheit setzen.

Ist Hochsensibilität in der Führung ein Nachteil?

Nein, ein klarer Vorteil. Petra Sommerfeld betont, dass Feinsinnigkeit und Hochsensibilität bei Männern und Frauen gleichermaßen ausgeprägt sind und bewusst genutzt zur größten Führungsstärke werden.

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