Führung im Leistungssport: 6 bewährte Lektionen für Teams

Führung im Leistungssport zeigt sich selten im schnellen Erfolg, sondern in der jahrelangen, individuellen Förderung von Talenten, verbunden mit der Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen. Genau das ist das Feld von Michael Kasch. Im Gespräch erklärt er, wie sich die Talentförderung im Nachwuchsleistungssport verändert hat, woran er echtes Potenzial erkennt und was Führungskräfte aus dem Leistungssport für den Umgang mit ihren Teams mitnehmen können.

Michael Kasch ist Landestrainer Nachwuchsleistungssport beim Westdeutschen Basketball-Verband e.V. in Duisburg. Er ist seit über 30 Jahren im Nachwuchsleistungssport tätig, Diplomtrainer des DOSB und Diplomsportwissenschaftler. Sein Schwerpunkt liegt auf der langfristigen Entwicklung junger Talente, von der Sichtung bis zur individuellen Steuerung in Abstimmung mit Vereinen und Heimtrainerinnen und Heimtrainern.

Talentförderung im Wandel: mehr Perspektive statt Momentaufnahme

Auf die Frage, was sich in über 30 Jahren Nachwuchsarbeit am meisten verändert hat, beschreibt Michael Kasch eine deutliche Verschiebung weg von der reinen Momentaufnahme hin zu einer langfristigen, individuellen Betreuung.

„Mehr individuelle Betreuung und Steuerung in Absprache mit den Heimtrainerinnen und -vereinen. Es gibt mehr Talente in den Jahrgangsstufen und wir versuchen länger und breiter, mit größeren Kadern zu arbeiten. Es wird deutlich mehr auf die Perspektive und nicht auf die aktuelle Leistung geschaut.“

Körperliche und mentale Entwicklung sind für ihn dabei ein ebenso wichtiger Bestandteil wie die sportliche Leistung selbst.

Woran erkennt man echtes Potenzial?

Ob aus einem talentierten Jugendlichen später tatsächlich Spitzenleistung wird, zeigt sich für Michael Kasch weniger an aktuellen Ergebnissen als an der Haltung der jungen Sportlerinnen und Sportler.

„Wenn sie oder er ‚zuhört‘ und die angebotenen Informationen versucht umzusetzen, um sich zu verbessern. Natürlich sind die körperlichen, athletischen und mentalen Perspektiven ein sehr wichtiger Faktor. Die aktuelle Leistung ist sicher ein Indikator, aber die Bereitschaft zur Weiterentwicklung steht ganz weit vorne.“

Genau hier sieht er auch einen verbreiteten Denkfehler: Viele Trainerkolleginnen und -kollegen sowie Vereine stellten den aktuellen Erfolg zu stark in den Vordergrund, statt Unterstützungsmöglichkeiten im Umfeld, etwa Schule, Stützpunkt, Familie, Olympiastützpunkt oder Landesverband, konsequent zu nutzen. Entscheidend sei zudem die Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen, ohne eine Fehler- oder Misserfolgsvermeidungsstrategie zu verfolgen.

Motivation über Jahre, ohne Überforderung

Talente sind laut Michael Kasch in der Regel hoch motiviert und wollen möglichst allen Ansprüchen gerecht werden: den eigenen, denen der Eltern, der Trainerinnen und Trainer und des gesamten Umfelds. Genau darin liegt die Gefahr des Ausbrennens.

„Immer neue, anspruchsvolle, aber erreichbare Ziele setzen. Perspektiven aufzeigen. Die Zusammenhänge erklären, vor allem was Belastungs- und Beanspruchungssteuerung betrifft. Ausreichende Erholungsphasen, physisch wie psychisch, einbauen.“

Wichtig sei vor allem das Verständnis, dass hohe Leistung über einen längeren Zeitraum nur möglich ist, wenn bewusst auch einmal weniger gemacht wird.

Führung im Leistungssport: Was Unternehmen daraus lernen können

Für den Umgang mit Drucksituationen und Teamentwicklung zieht Michael Kasch eine klare Linie zwischen Leistungssport und Unternehmen: Erfolg ist wichtig, aber nicht um jeden Preis.

„Erfolg genießen, verstehen, warum man erfolgreich war und was man mitnehmen kann oder sollte für neue Aufgaben. Dies gilt natürlich auch für Misserfolg. Warum, was kann oder muss ich besser machen, damit ich beim nächsten Mal erfolgreich bin. Für Leistungssportler gilt: Immer einmal mehr aufstehen, als hinfallen. Dies zeichnet auch erfolgreiche Unternehmen und ihre Führungspersonen aus.“

Konkret nennt er drei Hebel, die sich direkt auf Unternehmenskontexte übertragen lassen: regelmäßiger Austausch mit allen Teammitgliedern, das bewusste Delegieren und Abgeben von Aufgaben sowie die Offenheit, sich Unterstützung von außen zu holen, etwa durch Mentorinnen und Mentoren, externes Feedback oder Sport- und Psychologinnen und -psychologen.

Der Moment, den eigenen Führungsstil zu hinterfragen

Einen einzelnen, konkreten Wendepunkt in seiner Karriere nennt Michael Kasch nicht. Vielmehr seien es immer wieder einzelne Situationen gewesen, die ihn zur Veränderung bewogen haben, nachdem er sie selbst oder im Austausch mit internen und externen Personen reflektiert hat.

„Als mir klar wurde, dass nicht der kurzfristige Erfolg bei den zentralen Sichtungsmaßnahmen für die Bundeskader, sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit für langfristigen Erfolg im Basketball wie auch im Beruf wichtig ist.“

Besonders aufschlussreich war für ihn externes Feedback, das offenlegte, dass er den Top-Talenten in den Kadern oft weniger unterstützendes Feedback gab als vermeintlich noch nicht so guten Spielerinnen und Spielern. Diese Erkenntnis hat er bewusst in seine Praxis übernommen und achtet seitdem gezielt darauf, auch starken Talenten regelmäßig Rückmeldung und Bestätigung zu geben, eine Beobachtung, die sich unmittelbar auf die Potenzialentwicklung von Mitarbeitenden in Unternehmen übertragen lässt.

Rat für neue Team-Verantwortliche

Wer neu Verantwortung für ein Team übernimmt, egal ob im Sport oder im Unternehmen, sollte laut Michael Kasch vor allem eines tun: sich frühzeitig und fortlaufend informieren.

„Vorher und laufend Informationen sammeln und nutzen, hospitieren, internes und externes Feedback einfordern. Regelmäßiger Austausch mit dem Team, aber auch der Führung im Verein, Verband oder Unternehmen. Bereit sein, an die Grenzen zu gehen, keine Fehler- oder Misserfolgsvermeidungsstrategie.“

Da die Motivation zu Beginn meist hoch und der Aufwand entsprechend groß ist, rät er zusätzlich, bewusst schon vorab Pausen einzuplanen, um ein frühzeitiges Ausbrennen zu vermeiden.

Einordnung

Die Erfahrungen von Michael Kasch zeigen: Führung im Leistungssport folgt einem Muster, das sich durch alle sechs Themenbereiche zieht. Nachhaltige Leistung entsteht nicht durch Druck auf kurzfristige Ergebnisse, sondern durch individuelle Förderung, ehrliches Feedback und bewusst eingeplante Erholung. Für Führungskräfte in Unternehmen liegt darin eine klare Parallele zur eigenen Teamentwicklung: Wer Potenzial erkennen und langfristig binden will, kommt am regelmäßigen Austausch, am Delegieren und an der Offenheit für externe Perspektiven nicht vorbei. Mehr zur fachlichen Einordnung der Nachwuchsarbeit im deutschen Basketball bietet der Westdeutsche Basketball-Verband e.V.

Häufige Fragen zum Interview mit Michael Kasch

Wer ist Michael Kasch?

Michael Kasch ist Landestrainer Nachwuchsleistungssport beim Westdeutschen Basketball-Verband e.V. in Duisburg, seit über 30 Jahren im Nachwuchsleistungssport tätig, Diplomtrainer des DOSB und Diplomsportwissenschaftler.

Was können Führungskräfte vom Leistungssport lernen?

Führung im Leistungssport bedeutet laut Michael Kasch vor allem den bewussten Umgang mit Erfolg und Misserfolg, regelmäßigen Austausch im Team, das Delegieren von Aufgaben und die Offenheit für externes Feedback, etwa durch Mentorinnen und Mentoren oder Sportpsychologinnen und -psychologen.

Wie erkennt man laut Michael Kasch echtes Potenzial bei jungen Talenten?

Nicht allein an der aktuellen Leistung, sondern an der Bereitschaft, zuzuhören, sich weiterzuentwickeln und an die eigenen Grenzen zu gehen, unterstützt durch ein förderliches Umfeld aus Schule, Verein, Familie und Stützpunkt.

Wie lässt sich Motivation über Jahre aufrechterhalten, ohne auszubrennen?

Durch immer neue, aber erreichbare Ziele, transparente Kommunikation über Belastungssteuerung und ausreichend eingeplante physische wie psychische Erholungsphasen.