Mentale Überlastung kündigt sich selten laut an. Lange bevor Fehlerquoten steigen oder der Krankenstand wächst, verändert sich der Arbeitsalltag im Kleinen: Menschen fragen häufiger nach, Entscheidungen bleiben liegen, die Geduld wird kürzer. Nach außen läuft alles weiter, innen wird es mühsamer. Wer erst auf die Kennzahlen schaut, reagiert zu spät.
Darüber haben wir mit Marinela Sabelja gesprochen. Sie ist Inhaberin von More4Brain und arbeitet in Workshops mit Menschen an ihrer mentalen Leistungsfähigkeit. Im Interview erklärt sie, an welchen frühen Signalen Unternehmen eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit erkennen, welchen Fehler Führungskräfte im Umgang mit Konzentration und Reizüberflutung am häufigsten machen und mit welcher einfachen Maßnahme ein Betrieb sofort anfangen kann.
Mentale Überlastung erkennen, bevor sie in den Zahlen auftaucht
Woran merkt ein Unternehmen, dass die mentale Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeitenden nachlässt, lange bevor es in den Zahlen sichtbar wird?
Marinela Sabelja: Oft sind es zunächst die kleinen Veränderungen im Arbeitsalltag, die leicht übersehen werden. Menschen, die sonst eigenständig und lösungsorientiert arbeiten, benötigen plötzlich häufiger Rückversicherung. Entscheidungen werden aufgeschoben, die Geduld nimmt ab oder selbst einfache Aufgaben fühlen sich zunehmend anstrengend an.
Ein besonders wichtiges Warnsignal ist für mich, wenn Mitarbeitende zwar weiterhin funktionieren, dafür aber immer mehr Energie aufbringen müssen. Nach außen wirkt alles noch normal, während innerlich die Belastung längst steigt.
Führungskräfte sollten deshalb nicht erst aufmerksam werden, wenn Fehlerquoten oder Krankenstände zunehmen. Viel früher lohnt es sich, Veränderungen im Verhalten, in der Kommunikation und im Umgang mit alltäglichen Herausforderungen wahrzunehmen.
Wichtig ist dabei, solche Anzeichen nicht vorschnell als mangelnde Motivation oder fehlende Leistungsbereitschaft zu interpretieren. Dahinter können ganz unterschiedliche Ursachen stecken, darunter auch eine anhaltende mentale Überlastung.
„Nach außen wirkt alles noch normal, während innerlich die Belastung längst steigt.“
Was ist aus Ihrer Erfahrung der häufigste Fehler, den Führungskräfte im Umgang mit Konzentration und Reizüberflutung im Team machen?
Marinela Sabelja: Ich glaube, einer der größten Fehler besteht darin, dass häufig erst reagiert wird, wenn die Leistung bereits nachlässt, anstatt frühzeitig ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie mentale Belastung entsteht.
Wir sprechen in Unternehmen viel über Ziele, Prozesse und Ergebnisse. Aber wie oft sprechen wir darüber, was unser Gehirn eigentlich braucht, um diese Anforderungen gut bewältigen zu können?
Mitarbeitende sollen selbstständig arbeiten, flexibel reagieren, gute Entscheidungen treffen und auch unter Druck konzentriert bleiben. Gleichzeitig wird oft vorausgesetzt, dass jeder Mensch automatisch weiß, wie er mit Stress, hoher Informationsdichte und mentaler Erschöpfung umgehen kann.
Genau hier sehe ich einen wichtigen Ansatzpunkt. Mentale Leistungsfähigkeit sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn Probleme auftreten. Führungskräfte können viel bewirken, indem sie sich gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden mit diesen Themen beschäftigen, frühzeitig das Gespräch suchen und einen bewussten Umgang mit mentalen Belastungen fördern.
Denn wir können nur dann gezielt etwas verändern, wenn wir verstehen, was unsere Leistungsfähigkeit beeinflusst.
Fokusphase im Alltag: Eine Maßnahme, die sich sofort umsetzen lässt
Welche eine Maßnahme kann ein Betrieb sofort umsetzen, um die geistige Leistungsfähigkeit im Alltag spürbar zu stärken?
Marinela Sabelja: Ich würde mit einer ganz einfachen Maßnahme beginnen: dem bewussten Umgang mit der eigenen Aufmerksamkeit.
Dazu kann ein Unternehmen beispielsweise eine tägliche, klar definierte Fokusphase einführen, in der Mitarbeitende möglichst ohne vermeidbare Unterbrechungen an einer anspruchsvollen Aufgabe arbeiten können. Keine unnötigen Nachrichten, keine spontanen Besprechungen und nicht ständig zwischen verschiedenen Tätigkeiten wechseln.
Wichtig ist, dass solche Phasen gemeinsam vereinbart werden und zu den jeweiligen Arbeitsabläufen passen. In der Produktion braucht es natürlich andere Lösungen als im Büro.
Was mir dabei besonders am Herzen liegt: Die Mitarbeitenden sollen nicht einfach nur neue Regeln befolgen, sondern verstehen, warum diese sinnvoll sind.
Genau darum geht es mir auch bei More4Brain. Ich möchte Menschen nicht nur Übungen zeigen, sondern ihnen Wissen und Werkzeuge mitgeben, mit denen sie ihre mentale Leistungsfähigkeit im Alltag bewusster unterstützen können.
Denn nachhaltige Veränderung beginnt nicht mit der nächsten Übung, sondern mit dem Verständnis dafür, warum wir etwas verändern sollten.
Warum mentale Überlastung ein Führungsthema ist
Marinela Sabeljas Antworten haben einen gemeinsamen Nenner: Mentale Überlastung wird in vielen Betrieben zu spät zum Thema, weil sie sich zuerst im Verhalten zeigt und erst viel später in den Zahlen. Wer mehr Rückversicherung braucht, Entscheidungen vertagt oder bei Kleinigkeiten ungeduldig wird, ist nicht automatisch unmotiviert. Genau diese Fehldeutung verhindert oft das Gespräch, das eigentlich nötig wäre.
Für Führungskräfte heißt das: früher hinschauen, früher fragen und im Team klären, was das Gehirn für die geforderte Arbeit braucht. Die tägliche Fokusphase ist dafür ein bewusst einfacher Einstieg. Sie muss zum Arbeitsablauf passen, im Büro also anders aussehen als in der Produktion, und sie trägt nur, wenn das Team versteht, warum es sie gibt. Wie eng mentale Belastung und Führung zusammenhängen, zeigt auch unser Interview zu chronischem Stress bei Führungskräften. Eine fachliche Einordnung des Begriffs bietet der Wikipedia-Artikel zur psychischen Belastung nach der Norm EN ISO 10075.









