Die 25. Stunde: Interview mit Babette Näser über Selbstführung

Die 25. Stunde ist kein zusätzlicher Slot im Kalender, sondern die Zeit, die Führungskräfte laut Babette Näser zurückgewinnen, sobald Reibung im eigenen Führungsverhalten wegfällt. Näser ist Gründerin von Näser Consulting in Hattingen und verbindet Business Coaching, Mental Coaching und Wirtschaftsmediation mit eigener langjähriger Managementerfahrung aus einem DAX-Konzern. Im Interview mit der Redaktion von newworkpraxis.de spricht sie darüber, woran sie erkennt, wo Führungskräften Zeit verloren geht, welcher Auslöser Menschen typischerweise erst in die 60-Stunden-Woche und dann ins Coaching bringt, was echte Selbstführung von reinem Zeitmanagement unterscheidet und welche blinden Flecken einem Burnout auf Raten meist jahrelang vorausgehen. Das Gespräch richtet sich an Führungskräfte und Unternehmer im Mittelstand, die spüren, dass ihr Zeit- und Energiehaushalt nicht mehr aufgeht.

Über die Interviewpartnerin

Babette Näser ist Gründerin von Näser Consulting mit Sitz in Hattingen. Sie kombiniert Business Coaching, Mental Coaching und Wirtschaftsmediation unter der Marke „Die 25. Stunde®“ und arbeitet dabei unter anderem mit dem LUXX Profile, einem Instrument zur Sichtbarmachung von Motivstrukturen. Vor ihrer Tätigkeit als Coach und Mediatorin hat sie selbst langjährige Managementerfahrung in einem DAX-Konzern gesammelt, mit Matrixorganisation, Budgetrunden und Zielkonflikten zwischen Bereichen. Diese eigene Führungspraxis prägt nach eigener Aussage ihren Blick auf die Themen ihrer Klientinnen und Klienten deutlich.

Das Interview

Du sprichst von der 25. Stunde am Tag, die Führungskräfte durch dein Coaching zurückgewinnen. Wie funktioniert das konkret, und woran erkennst du bei einem Klienten, wo die meiste Zeit verloren geht?

Babette Näser: Die 25. Stunde ist keine zusätzliche Stunde auf der Uhr. Sie entsteht nicht dadurch, dass jemand schneller arbeitet, sondern dadurch, dass Reibung wegfällt. Die meisten Führungskräfte haben ihr Zeitmanagement längst optimiert, genau deshalb finden sie keine Stunde mehr.

Wir beginnen mit einer nüchternen Bestandsaufnahme, einer Woche, ehrlich protokolliert. Aber die interessanten Verluste stehen meist nie im Kalender. Sie liegen in aufgeschobenen Entscheidungen, in Aufgaben, die aus Perfektionismus oder Kontrollbedürfnis nicht abgegeben werden, in ungeklärten Konflikten, die im Hintergrund Energie ziehen, in Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden und trotzdem bedient werden.

Woran ich erkenne, wo die Zeit liegt: an der Sprache. „Das mache ich lieber selbst, geht schneller.“ Oder: „Darüber reden wir intern nicht.“ Dann weiß ich Bescheid. Nicht die Meetings sind das Problem, sondern das, was zwischen ihnen ungesagt bleibt.

Deshalb arbeite ich zusätzlich mit Persönlichkeits- und Motivanalysen. Zeitprobleme sind selten reine Organisationsprobleme. Wer versteht, warum er nicht loslassen kann, verändert sein Verhalten nachhaltig. Genau dort entsteht diese eine Stunde pro Tag, und das sind über ein Jahr gerechnet rund sechs Arbeitswochen.

Viele Führungskräfte stecken in einer 60 bis 80 Stunden Woche fest, bevor sie zu dir kommen. Was ist meist der Auslöser, der sie schließlich dazu bringt, sich Unterstützung zu holen?

Babette Näser: Fast nie ist es Einsicht. Es ist ein Bruch, und es geht selten um Zeitmanagement. Es geht um die Folgen. Die Gedanken kreisen nachts weiter, Entscheidungen fallen schwerer, die Geduld mit Mitarbeitenden und mit der Familie wird kürzer, Erholung funktioniert nicht mehr.

Und dann kommt der konkrete Anlass, meist einer von dreien: Der Körper meldet sich, Schlaf, Herz, ein Infekt, der nicht weggeht. Das Private eskaliert: „Du bist zwar da, aber nie wirklich präsent.“ Oder etwas platzt im Team, ein Leistungsträger kündigt, ein Konflikt bricht auf.

Der Auslöser ist nicht das Problem. Er ist die Rechnung. Das Problem läuft oft seit zwei, drei Jahren mit. Nur war es bis dahin tragbar, und alles, was tragbar ist, wird getragen. Im Erstgespräch fällt fast immer derselbe Satz: „So kann es nicht weitergehen.“ Da beginnt Veränderung.

Du kombinierst Business Coaching, Mental Coaching und Wirtschaftsmediation. Wie greifen diese drei Bereiche in der praktischen Arbeit ineinander?

Babette Näser: Sie greifen nicht parallel ineinander, sondern diagnostisch. Die erste Frage ist immer: Wo sitzt die Reibung? Sitzt sie in Rolle, Struktur, Entscheidung, unklarem Auftrag, überdehntem Verantwortungsbereich oder fehlenden Führungsroutinen, ist es Business Coaching.

Sitzt sie im Inneren, in Mustern, Antreibern, einem Nein, das nicht über die Lippen kommt, arbeite ich mit den Instrumenten des Mental Coachings und dem LUXX Profile, um die Motivstruktur sichtbar zu machen und innere Stressoren zu entschärfen. Denn oft verhindert nicht fehlende Fähigkeit den nächsten Schritt, sondern der eigene Anspruch.

Sitzt sie zwischen Menschen, im Team, zwischen Bereichen, in der Geschäftsleitung, ist es ein Konflikt, der nicht immer ein Mediationsfall sein muss. Da hilft kein Selbstmanagement, da braucht es einen strukturierten Klärungsprozess. Konflikte kosten enorm viel Zeit, Konzentration und Motivation. In der Praxis lassen sich diese Ebenen selten sauber trennen, sie wechseln innerhalb eines Prozesses, deshalb schaue ich immer auf den ganzen Menschen und auf das System, in dem er steht.

In einem Fall hat ein schwelender Konflikt zwischen dem Chef und einem wichtigen Mitarbeiter im Außendienst sehr viel Zeit gekostet, mit ins Leere laufenden Absprachen und Kommunikation, die sachlich klang, aber voller Emotionen war. Eine klare, moderierte Aussprache hat die Themen auf den Tisch gebracht und viel Zeit freigemacht, die bei beiden durch das Unausgesprochene gebunden war.

Was unterscheidet echte Selbstführung von reinem Zeitmanagement mit Tools und To-do-Listen?

Babette Näser: Zeitmanagement beantwortet die Frage: Wie organisiere ich meine Aufgaben? Selbstführung beantwortet die wichtigere: Warum entscheide ich mich überhaupt so, und warum eigentlich ich? Ein perfekt gepflegtes System rettet niemanden, der nicht Nein sagen kann. Es macht ihn nur schneller darin, Ja zu sagen.

Ich habe Klientinnen und Klienten erlebt, die drei Produktivitätsmethoden beherrschten und trotzdem an der Wand standen, weil keine dieser Methoden fragt, warum jemand seinen Wert an Verfügbarkeit knüpft. Selbstführung heißt: Ich kenne meine Motive. Ich kann Entscheidungen treffen und aushalten, dass sie jemandem nicht passen. Ich kann einen Konflikt führen, statt ihn zu verwalten. Und ich merke, wann ich am Limit bin, bevor mein Körper es mir mitteilt.

Tools sind nützlich, aber sie sind Werkzeuge. Kein Werkzeug ersetzt die Hand, die es führt. Deshalb beginne ich nie mit einer App, sondern immer beim Menschen.

Du hast selbst langjährige Managementerfahrung in einem DAX-Konzern. Wie prägt dieser Hintergrund deinen Blick auf die Probleme deiner Klientinnen und Klienten?

Babette Näser: Er erspart uns eine Menge Übersetzungsarbeit. Matrixorganisation, Budgetrunden, Zielkonflikte zwischen Bereichen, das muss mir niemand erklären. Wenn jemand sagt „ich kann das nicht delegieren“, höre ich mit, ob das eine Ausrede ist oder ob dahinter tatsächlich eine Struktur steht, die Delegation bestraft. Diesen Unterschied übersieht man ohne eigene Praxiserfahrung leicht. Gerade auch die eigene Führungserfahrung im dynamischen Umfeld bringt mich als Expertin auf Augenhöhe.

Der zweite Punkt ist unbequemer: Ich kenne die Selbstlüge von innen. Meine gelebte professionelle Stärke hat mich viele innere rote Ampeln überfahren lassen. Ich moralisiere deshalb nicht, ich weiß, wie plausibel sich das anfühlt, während man es tut. Und ich arbeite entsprechend praxisnah. Meine Klienten brauchen keine Konzepte, sondern Lösungen, die am Montagmorgen funktionieren.

Was sind die typischsten blinden Flecken, die Führungskräfte bei sich selbst am längsten übersehen, bevor es zum Burnout auf Raten kommt?

Babette Näser: Der größte ist ein einziger Satz: „Ich schaffe das schon.“ Darunter liegen vier Muster, die ich immer wieder sehe:

  • Die Unentbehrlichkeitserzählung: „Ohne mich läuft das nicht.“ Oft sogar zutreffend, aber es ist ein Zustand, den man selbst hergestellt hat.
  • Kontrolle wird mit Verantwortung verwechselt: Verantwortung heißt einstehen, Kontrolle heißt selbst machen. Wer das gleichsetzt, kann nie loslassen.
  • Konfliktvermeidung, die sich als Souveränität ausgibt: „Ich trage das mit.“ Klingt reif und ist meist nur teuer.
  • Körperliche Signale werden budgetiert: „Das Wochenende reicht.“ Dann reicht der Urlaub. Dann reicht auch der nicht mehr.

Der gemeinsame Nenner: Erfolg validiert das System. Solange die Zahlen stimmen, gilt jeder Preis als gerechtfertigt. Deshalb heißt es Burnout auf Raten, er wird bezahlt, lange bevor er auffällt. Und wer früh hinschaut, kann sehr viel verhindern.

Was würdest du einer Führungskraft raten, die spürt, dass sie innerlich schon am Limit ist, sich aber noch nicht traut, etwas zu ändern?

Babette Näser: Warten Sie nicht darauf, dass Ihr Körper die Entscheidung für Sie trifft. Aber: nichts Großes. Der Impuls „ich kündige, ich schmeiße alles hin“ ist selbst ein Erschöpfungssymptom. Die ersten Schritte sollten klein und umkehrbar sein.

Sprechen Sie mit einem Menschen. Nicht mit dem Kalender, nicht mit einem Buch, nicht mit der KI. Mit jemandem, der zuhört und nicht davon abhängig ist, dass Sie funktionieren. Unter anderem aus diesem Grund habe ich mich entschieden, mein Erstgespräch kostenfrei anzubieten: 30 Minuten volle Konzentration auf die jeweilige Person und ihre Themen, mit wertvollen Impulsen, ohne weitere Verpflichtung.

Und, weil ich die Grenzen meines eigenen Formats kenne: Wenn Schlaf, Antrieb oder Stimmung seit Wochen weg sind, gehört das ärztlich abgeklärt. Coaching ist keine Therapie. Wer wirklich erschöpft ist, braucht zuerst Erholung und dann die Frage, was ihn dorthin gebracht hat.

Für mich ist Coaching kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung. Wer täglich Entscheidungen für andere trifft, sollte auch die wichtigste Ressource schützen: sich selbst. Sie müssen sich nicht trauen, alles zu ändern. Sie müssen sich nur trauen, einmal ehrlich hinzuschauen. Denn gute Führung beginnt mit guter Selbstführung. Und genau dort entsteht am Ende die 25. Stunde.

Zentrale Erkenntnisse aus dem Interview

Aus dem Gespräch mit Babette Näser lassen sich vier Kernaussagen herausarbeiten, die für Führungskräfte im Mittelstand unmittelbar handlungsleitend sind.

  • Zeitverlust ist selten ein Organisationsproblem: Die 25. Stunde entsteht nicht durch besseres Zeitmanagement, sondern durch den Abbau von Reibung in Entscheidungen, Konflikten und unausgesprochenen Erwartungen.
  • Der Auslöser ist die Rechnung, nicht die Ursache: Körperliche Symptome, private Eskalation oder ein Konflikt im Team sind meist das späte Ergebnis eines Problems, das schon Jahre mitläuft.
  • Selbstführung geht über Tools hinaus: Wer seine eigenen Motive nicht kennt, wird mit noch so guten Produktivitätsmethoden nicht loslassen können.
  • Blinde Flecken folgen wiederkehrenden Mustern: Unentbehrlichkeitserzählung, Kontrolle statt Verantwortung, Konfliktvermeidung und budgetierte Erholung ziehen sich durch viele Fälle von Burnout auf Raten.

„Der gemeinsame Nenner: Erfolg validiert das System. Solange die Zahlen stimmen, gilt jeder Preis als gerechtfertigt. Deshalb heißt es Burnout auf Raten, er wird bezahlt, lange bevor er auffällt.“ (Babette Näser)

Kontext: Selbstführung als Führungsthema im Mittelstand

Die von Näser beschriebenen Muster decken sich mit einer Beobachtung, die in der Führungsdiskussion zunehmend Raum einnimmt: Überlastung an der Unternehmensspitze wird oft erst sichtbar, wenn sie bereits organisatorische Folgen zeigt, etwa Kündigungen von Leistungsträgern oder eskalierende Konflikte im Team. Gerade in mittelständischen Unternehmen, in denen Geschäftsführung und operative Verantwortung häufig eng verzahnt sind, fehlt oft die Distanz, um die eigene Belastung frühzeitig einzuordnen. Anders als in größeren Konzernstrukturen gibt es seltener ein internes Frühwarnsystem, etwa Personalentwicklung oder Coaching-Budgets, das Führungskräfte proaktiv anspricht.

Das macht die von Näser beschriebene Sprachdiagnose, an welchen Formulierungen sich Vermeidung erkennen lässt, für Geschäftsführer und Führungskräfte im Mittelstand besonders relevant: Wer selbst auf solche Muster achtet oder sie bei Kolleginnen und Kollegen bemerkt, kann frühzeitig gegensteuern, statt erst auf einen Bruch zu reagieren.

Was Führungskräfte aus dem Interview mitnehmen sollten

Für die eigene Führungspraxis lassen sich aus dem Gespräch drei Linien ableiten. Erstens: Zeitprobleme lohnt es sich nicht ausschließlich mit Organisationswerkzeugen zu bearbeiten, wenn die eigentliche Ursache in aufgeschobenen Entscheidungen oder ungeklärten Konflikten liegt. Zweitens: Die eigene Sprache liefert oft die ehrlichsten Hinweise auf blinde Flecken, Sätze wie „das mache ich lieber selbst“ oder „darüber reden wir intern nicht“ verdienen bewusste Aufmerksamkeit. Drittens: Der erste Schritt muss nicht groß sein. Ein Gespräch mit einer außenstehenden Person, das nicht davon abhängt, dass man funktioniert, kann genügen, um eine Entwicklung frühzeitig zu unterbrechen, bevor sie zum gesundheitlichen Thema wird.

Über Näser Consulting

Näser Consulting mit Sitz in Hattingen bietet unter der Marke „Die 25. Stunde®“ Business Coaching, Mental Coaching und Wirtschaftsmediation für Führungskräfte an, unter anderem unter Einsatz des LUXX Profile zur Sichtbarmachung von Motivstrukturen. Interessierte können ein kostenfreies, unverbindliches Erstgespräch von 30 Minuten in Anspruch nehmen.

FAQ

Was bedeutet „Die 25. Stunde“ im Coaching von Babette Näser?

Die 25. Stunde bezeichnet keine zusätzliche Stunde auf der Uhr, sondern die Zeit, die durch den Abbau von Reibung entsteht, etwa durch geklärte Entscheidungen, gelöste Konflikte und ausgesprochene Erwartungen.

Was unterscheidet Selbstführung von klassischem Zeitmanagement?

Zeitmanagement organisiert Aufgaben, Selbstführung klärt die Motive dahinter, warum jemand bestimmte Aufgaben nicht abgibt oder seinen Wert an ständige Verfügbarkeit knüpft.

Welche Muster gehen einem Burnout auf Raten häufig voraus?

Nach Beobachtung von Babette Näser sind es vor allem die Unentbehrlichkeitserzählung, die Verwechslung von Kontrolle mit Verantwortung, als Souveränität getarnte Konfliktvermeidung und budgetierte Erholung.

Wann sollte statt Coaching ärztliche oder therapeutische Hilfe gesucht werden?

Wenn Schlaf, Antrieb oder Stimmung bereits seit Wochen beeinträchtigt sind, sollte dies ärztlich abgeklärt werden. Coaching ersetzt keine Therapie und setzt eine ausreichende Grundstabilität voraus.

Wie kombiniert Näser Consulting Business Coaching, Mental Coaching und Wirtschaftsmediation?

Die Auswahl erfolgt diagnostisch danach, wo die Reibung sitzt, in Rolle und Struktur, in inneren Mustern und Antreibern oder zwischen Menschen im Team beziehungsweise in der Geschäftsleitung.

Hinweis: Dieser Beitrag gibt die redaktionellen Ansichten der Redaktion von newworkpraxis.de sowie die Aussagen der Interviewpartnerin wieder. Er stellt keine medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung dar und ersetzt kein persönliches Coaching- oder Arztgespräch. Bei anhaltenden Beschwerden wie Schlafstörungen, Antriebslosigkeit oder gedrückter Stimmung sollte ärztlicher oder psychotherapeutischer Rat eingeholt werden.

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